Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

Wohin?

Die Ansiedlung Deutscher in Südkaukasien 1817/18 war die letzte geschlossene Siedlungsaktion, die in der Tradition Katharinas II. (1729 - 1796) verwirklicht wurde. Hatte sich Zar Peter I. (1672–1725) in seiner außenpolitischen Konzeption noch überwiegend auf den Norden konzentriert, verlagerten sich die russischen Interessen während des 18. Jahrhunderts stetig gen Süden. Katharina II. unterstützte dabei nicht nur die wissenschaftliche Erforschung entlegener Landstriche, sondern initiierte die Ansiedlung von Bauern und schuf mit den Einladungsmanifesten von 1762/63 den gesetzlichen Rahmen zukünftiger Kolonisation.

Zunächst bezogen sich Katharinas Pläne auf die untere Wolga. Doch nach der russischen Eroberung des Krimchanats 1783 und dem Frieden von Jassy 1792 folgte eine zweite große Kolonisationsbewegung ins Schwarzmeergebiet, auf die Krim, nach Bessarabien und in das Gebiet um Odessa. Nach „Neurussland" gelangten neben schwedischen Bauern vor allem holländische, friesische und Danziger Mennoniten, die erst zwanzig Jahre zuvor auf Einladung Friedrichs II. (1712–1786) nach Preußen gekommen waren und mit dem Thronwechsel 1786 die Missachtung ihrer Glaubensgrundsätze sowie die Aufhebung der Befreiung vom Militärdienst befürchteten.

Die Eroberung des Kaukasus

Während des 18. Jahrhunderts waren die russischen Grenzen bereits bis in das kaukasische Vorland verschoben worden. Ein System miteinander verbundener Befestigungsanlagen, wie Vladikavkaz und Mozdok sowie Kosakenstanizen, die „Kaukasische Linie", sicherten die Grenze an Terek, Malka und Kuban' und bildeten damit wichtige Ausgangspunkte für das Vordringen nach Südkaukasien. Der Annexion des Königreichs von Kartli-Kachetien 1801 unter Paul I. (1754–1801) unter Bezugnahme auf den (Beistands-) Vertrag von Georgievsk von 1783 zwischen dem König von Ostgeorgien und Russland folgte unter Alexander I. das Protektorat über die Fürstentümer Westgeorgiens und die Angliederung der Chanate Gändschä, Baku, Kuba, Talysch, Schirwan, Karabach und Schäki (Vertrag von Gülistan, 1813).

Abb.: Eroberung Südkaukasiens bis 1878 / Quelle: Kappeler, Andreas: Russland als Vielvölkerreich, München 1992.

1826 scheiterte der Versuch Persiens die kaukasischen Besitzungen zurück zu erlangen. Im Frieden von Turkmantschai (1828) gingen die Chanate Eriwan und Nachitschewan ebenfalls an Russland. Nach dem russisch-türkischen Krieg 1828–1829 erwarb Russland im Frieden von Adrianopel (1829) den Kreis Achalziche, außerdem die Festungen an der Ostküste des Schwarzen Meeres zwischen Anapa und Poti.

Stabilität durch Zuwanderung und Kolonisation

Zuwanderungsrechte für Armenier und Griechen aus den Nachbarreichen sollte die christliche Bevölkerung in der Region ebenso stärken wie die Ansiedlung deutscher Kolonisten und russischer Sektierer. Eine Niederschlagung des Widerstandes der nordkaukasischen Bergvölker gelang erst 1859 bzw. mit der Massenvertreibung der Tscherkessen 1864. Infolge des russisch-türkischen Krieges wurde 1878 im Berliner Vertrag die Grenze des Russischen Reiches weiter ins Osmanische Reich verschoben. Mit dem Zugewinn von Kars entstanden auch dort deutsche Tochtersiedlungen (Paşaçayır und Karacaören).

Tiflis im 19. Jhd.

Unter Alexander I.  (1777- 1825) erlebte die planmäßige Siedlungspolitik Katharinas II. eine Neuauflage. Sein Manifest vom 20. Februar 1804 stellte verschärfte Anforderungen an die Neusiedler: Sie sollten gute Bauern, Spezialisten für Weinbau, Seidengewinnung und Viehzucht oder Dorfhandwerker sein, einen Mindestbesitz sowie Frau und Kinder vorweisen können. Auf den Weg an das Schwarze Meer machten sich 1803/4 auch Auswanderer aus Baden und Württemberg, bevor die Einwanderungszahl auf 200 Familien pro Jahr begrenzt und 1819 die Masseneinwanderung ganz und gar unterbunden wurde. Insgesamt entstanden im Schwarzmeergebiet, in Bessarabien und in Südkaukasien auf diese Weise 181 Mutterkolonien.

Stellt man sich die Frage, was man zu Beginn des 19. Jahrhundert in Westeuropa überhaupt über diese Region wusste, kommt man auf das Thema „Forschungsreisende". Wissenschaftler deutscher Herkunft trugen nicht nur zur Erschließung des Raumes bei, sie beeinflussten stark die Wahrnehmung von Raum und Bevölkerung sowohl in Moskau und Petersburg als auch in Westeuropa. Auch für – zumindest die gebildeten – Auswanderer war sie also vermutlich keine terra incognita.