Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

Woher?

In Schwaikheim begründete der Weingärtner Georg Friedrich Fuchs 1812 die Stundengemeinschaft „Schwaikheimer Harmonie der Kinder Gottes". Diese Separatistenbewegung lehnte es ab, ihre Kinder zu taufen, und verweigerte den Militärdienst. 1815 schlossen sich württembergische Separatisten unter Führung von Fuchs zusammen, um in den Kaukasus und damit in die Nähe des Berges Ararat als Bergungsort der wahren Christen zu ziehen. Nachdem sie ihren Besitz verkauft und alle notwendigen staatsbürgerlichen Angelegenheiten geregelt hatten, machten sich im Herbst 1816 dreißig bis vierzig Familien auf den Weg (→Karte).

Der Weg der Auswandererharmonien von ihrer Abfahrt in Ulm über Budapest, Galatz, Odessa, Rostov, Mozdok bis nach Südkaukasien. / Karte: Dirk Bloch

Die Auswanderer reisten bis zur Sammlungsstelle des Hafens Schwall in Ulm mit Planwagen. Dort wurden sie auf einfache Holzkähne, sogenannte Ulmer Schachteln, verbracht. Die Wochen andauernde Reise auf den oftmals überfüllten Kähnen war anstrengend und an einigen Stellen der Donau sogar lebensgefährlich. Über Budapest und Belgrad führte der Weg bis zur bessarabisch-russischen Grenzstadt Ismail. Dort mussten die Reisenden eine Quarantäne überstehen, bevor sie bei deutschen Siedlern in Großliebental in der Nähe von Odessa überwintern konnten. Von dort zogen 29 Familien, denen sich zwei weitere aus Großliebenthal angeschlossen hatten, mit Unterstützung des Kaukasischen Oberkommandierenden, Generalleutnant Aleksej P. Ermolov, weiter Richtung Kaukasien. Nach Überquerung des Großen Kaukasus kam der erste Emigrationszug am 21. September (3. Oktober) 1817 in Tiflis an.

Von April bis August 1817 sammelten sich in Ulm weitere 1.400 Familien auswanderungswilliger Schwaben, die sich nach der Apostelgeschichte 4,32 in sogenannten „Harmonien", als brüderliche Gütergemeinschaften in Anlehnung an die zunächst harmonisch zusammenlebende Urgemeinde, in ihren schwäbischen Heimatorten organisiert hatten. Stark reduziert durch die Strapazen der Reise erreichten schließlich im Herbst 1818 zehn Kolonnen Tiflis, von wo sie weiter östlich bis nach Elizavetpol' (bis 1804 „Gändschä") zogen.

Exkurs: Religöse Sekten

Pietismus kommt von „pietas". Das lateinische Wort bedeutet Frömmigkeit. Persönliche Frömmigkeit und das christliche Leben werden gegenüber der Einheit der Kirche und der reinen Lehre der Reformation in den Vordergrund gestellt. Johann Albrecht Bengel (1687–1752) prägte mit seinen Pfarrern den württembergischen Pietismus nachhaltig durch seine heilsgeschichtlich orientierte Theologie.

Auf Grundlage des Pietismus hielten sich Stundisten (von Stunde im Sinne von Betstunde) streng an die Bibel und die religiöse Erweckung. Sie waren gegen jegliche Priesterherrschaft und alle äußerlichen gottesdienstlichen Gebräuche. Durch württembergische Einwanderer beeinflusst, bildeten sich stundistische Gemeinschaften seit 1860 auch in Südrussland.
Separatisten pflegten seit dem 17. Jahrhundert eine radikale Form des Pietismus. Sie waren der Auffassung, dass das wahre Christentum nur außerhalb der amtlichen Kirche gelebt werden kann. Sie verweigerten die Taufe, blieben Gottesdiensten fern und verweigerten oft auch den Militärdienst. In Württemberg traten sie im Vorfeld der Auswanderung Richtung Osten in Distanz zu den Reformen der Heimatkirche und propagierten Lebensformen der christlichen Urgemeinde.

Die religiös motivierte Erwartung eines innerweltlichen tausendjährigen messianischen Friedensreiches, auch bezeichnet als Chiliasmus, fand u. a. im Kontext der Napoleonischen Kriege fruchtbaren Boden. In Endzeiterwartung richteten die Chiliasten ihren Blick vor allem nach Osten, um dort einen göttlichen Bergungsort zu finden.