Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

1956 - heute

Am 1. April 1949 standen unter Aufsicht des sowjetischen Geheimdienstes NKWD über 2 Millionen Deportierte, Repatriierte und Umgesiedelte, darunter zirka eine Million Deutsche, knapp 400.000 Tschetschenen und Inguschen, etwa 60.000 Karatschaier, mehr als 30.000 Balkaren, rund 77.000 Kalmücken, etwa 200.000 Krim-Tataren, Griechen, Armenier und Bulgaren, zirka 80.000 Chemschinen, Türken und Kurden.

Abb.: Seit den 1950er Jahren fanden regelmäßig Treffen der „Kaukasusdeutschen“ statt (hier in Mittenwald), auf denen Informationen und Erinnerungen ausgetauscht wurden. / Foto: Familienarchiv Vohrer

Nach Stalins Tod wurden nach und nach einzelne Gruppen amnestiert. Trotz des KSZE-Prozesses und zahlreicher Protestaktionen verweigerte sich die sowjetische Führung noch bis 1987 Ausreisewünschen nach Deutschland. Entsprechend blieben die Deutschen über 50 Jahre lang von den Bildungs-, Arbeits- und Lebensbedingungen in Mittelasien oder Sibirien abhängig. Seit 1941 war es außerhalb von Sonderschulen für Auslandskader nicht mehr möglich, deutschsprachigen Unterricht zu besuchen. Aus dem öffentlichen Raum blieb die deutsche Sprache bis 1956 verbannt. Die traditionellen Gemeinschaften der deutschen Muttersprachler waren aufgebrochen, Gottesdienst in deutscher Sprache nur im Geheimen möglich. Eine „Normalisierung" des Lebens ab den 1960er Jahren bedeutete vor allem ein Wiederfinden von Verwandten und Familienzusammenführungen innerhalb der UdSSR, Finden von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen, eine Verbesserung der Wohnbedingungen. Städtische Arbeitswelten und zunehmende Heiraten mit nichtdeutschen Partnern begünstigten die Integration in ein russischsprachiges Umfeld. Nannten 1926 noch 95 Prozent aller Deutschen in der UdSSR Deutsch als Ihre Muttersprache, lag die Zahl 1989 nur noch bei 48,7 Prozent.

Zwar waren Besuchs- und Ausreisen in Ausnahmefällen bereits seit den 1960er Jahren möglich, aber erst mit der Verabschiedung eines neuen Gesetzes zur Ein- und Ausreise aus der UdSSR am 1. Januar 1987 erhielten auch die Sowjetdeutschen das Recht auf einen Reisepass und freie Ausreise. Am 14. November 1989 wurden die Deportationen vom Obersten Sowjet der UdSSR als gesetzwidrig und verbrecherisch bewertet. Zwischen 1987 und 1990 stieg die Zahl der Aussiedler aus der UdSSR von 753 auf 147.950. Nach der deutschen Wiedervereinigung und dem Zerfall der UdSSR verzeichnete man noch einmal einen sprunghaften Zuwachs. 2015 wurde die Zahl der „Russlanddeutschen" in der Bundesrepublik mit etwa 2,5 Millionen angegeben. War es bis einschließlich 1987 selbstverständlich, dass „Spätheimkehrer" in den Ort zuziehen konnten, in dem ihre Angehörigen ansässig waren, sank die Aufnahmebereitschaft mit der zunehmenden Aussiedlerzahl. Mehrfache Änderungen des Bundesvertriebenengesetzes und zahlreicher Zusatzgesetze ließ die Zahl auf jährlich unter Zehntausend Aussiedler aus den GUS-Staaten absinken.