Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

1941 - 1955

Unmittelbar nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion erließ das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR ein Dekret, das alle Deutschen zu potentiellen Feinden deklassierte und ihre die Deportation nach Mittelasien und Sibirien einleitete.

Abb.: Allein im Rahmen der „deutschen Operation“ von Januar bis Juli 1938 in Georgien wurden 113 Personen verhaftet und zu Höchststrafen verurteilt. Foto: Eva-Maria Auch, aus der Ausstellung „Soviet Occupation“ / Georgisches Nationalmuseum

Mit dem Erlass „Über die Umsiedlung der Deutschen aus der Georgischen, Aserbaidschanischen und Armenischen SSR" vom 8. Oktober 1941 waren aus Georgien 23.580, aus Aserbaidschan 22.741 und aus Armenien 212 Personen umzusiedeln. Als „antisowjetische Elemente" waren bereits 1.842 Personen erfasst und verhaftet worden. Am 11. Oktober 1941 erging unter der Nummer 001487 der vom NKWD-Chef Berija unterzeichnete Ausführungsbefehl mit entsprechenden Instruktionen über die Durchführung der Deportationen. Vom 15. bis 30. Oktober 1941 mussten alle Personen unter militärischer Aufsicht ihren gesamten Besitz bis auf „transportables Gepäck" aufgeben. Über Tbilissi, Kirovabad, Baku und Krasnovodsk wurden sie nach Kasachstan deportiert. Bis zum 25. Dezember 1941 trafen dort jeweils 20.527, 24.133 u. 433 Personen ein; nach wochenlangen Schiffs- und Bahntransporten über Tausende Kilometer kamen die Deutschen aus Georgien zwischen Oktober und November 1941 überwiegend in die Gebiete Džambul, Almaty, Pavlodar, Semipalatinsk und in südkasachische Landstriche, die aus Aserbaidschan in die Gebiete Akmolinsk, Kustanaj und weitere ostkasachische Territorien und die aus Armenien ins Gebiet Pavlodar. Bleiben konnten deutsche Frauen, die in nichtdeutsche Familien eingeheiratet hatten. Kinder und Jugendliche mit deutschem Vater und nichtdeutscher Mutter durften bis zum 16. Lebensjahr bei der Mutter verbringen und wurden danach deportiert.

In der Verbannung

Waren die deutschen Sowjetbürger in den Verbannungsgebieten angekommen, sollten die sie aufnehmenden Kolchosen, Sowchosen und Betriebe für ihre Unterkunft und Verpflegung aufkommen. Gleichzeitig wurden sie ihnen als Arbeitskräfte zugeteilt und den örtlichen Sicherheitsorganen – ab 1944 der Sonderkommandantur des sowjetischen Geheimdienstes – unterstellt.

1941/1942 wurden alle Männer deutscher Abstammung von 17 bis 50 Jahren aus dem Wehrdienst oder der Reserve in Zwangsarbeitslager überführt. Mit Erlass vom 7. Oktober 1942 wurden auch die 15- und 16- sowie die 51- bis 55-Jährigen sowie deutsche Frauen im Alter zwischen 16 und 46 in die Arbeitsarmee einberufen, soweit sie nicht mit einem russischen Partner verheiratet waren oder Kinder unter drei Jahren hatten. Unterernährung, Krankheiten und Tod, die Trennung hunderttausender Familien, das Verwaisen zehntausender Kindern und völlige bürgerliche Entrechtung waren Folgen des Gewaltaktes. Schwere körperliche Arbeit beim Holzfällen, in den Kohlegruben und beim Eisenbahnbau bei minimaler Ernährung forderte überdurchschnittliche Verluste. Ab 1946/1947 wurden die Zwangsarbeitslager allmählich aufgelöst, bei Festeinstellungen in Betrieben war nun auch eine Familienzusammenführung erlaubt. Diese verzögerte sich jedoch oft bis zur Liquidierung der Sondersiedlungen 1956.

Wurden die Sowjetdeutschen bereits lange vor dem Zweiten Weltkrieg aufgrund sprachlicher Verwandtschaft und Beziehungen zu Deutschland als „unzuverlässig" und „potentiell feindlich" eingestuft, so verknüpften die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges das Schicksal völlig unterschiedlicher Menschen auf tragischste Weise:
Unter dem Vorwurf der „Volksschuld durch Kollaboration" wurden 1941 alle sowjetdeutschen Bürger aus den europäischen Teilen der UdSSR deportiert – soweit sie nicht von 1939 bis 1941 aufgrund des Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages vom 28. September 1939 und seiner Zusatzprotokolle als „Volksdeutsche" umgesiedelt oder von den Kriegsereignissen überrollt worden waren. Unschuldige Bürger verloren nicht nur ihre Heimat. Sie wurden entrechtet und kriminalisiert.

Verhängnis durch Herkunft

Während ca. 1,1 Mio. am Kriegsgeschehen völlig unbeteiligte Sowjetdeutsche in Sibirien und Mittelasien bis 1955 de facto als Zwangsarbeiter und Sondersiedler gehalten wurden, kamen durch den Krieg Reichsdeutsche als Soldaten von Wehrmacht und SS-Sonderverbänden und als Kriegsgefangene nach Kaukasien. Bereits 1942 war der Vorstoß des deutschen Heeres in Nordkaukasien gestoppt worden. Erste provisorische Lager für Gefangene der Kaukasusfront wurden eingerichtet (Georgievsk). 1943 folgten Gefangene aus dem Südabschnitt, 1944 gab es starke Zugänge durch den Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte und aus Rumänien, 1945 folgten große Kontingente an Kapitulationsgefangenen. Der Bergbau, die Erdölförderung, der Aufbau der Industriestadt Rustawi und des Staudammes Mingetschaur, Straßen-, Häuser- und Brückenbau, Tätigkeiten in Fabriken, Wasserkraftwerken, Häfen, Sägewerken und Steinbrüchen sollten ein völlig anderes Kapitel „deutscher Spuren" in Südkaukasien und in der Erinnerung an „Deutsche" in Georgien, Armenien und Aserbaidschan aufschlagen. Die Kriegsschuld Nazideutschlands konnten sie damit jedoch nicht tilgen.

Im deutschen Exil näherten sich in den 30er und 40er Jahren vereinzelt Kaukasusdeutsche wie auch Georgier und Aserbaidschaner und andere Vertreter sowjetischer Völkerschaften nationalsozialistischen Positionen an oder kämpften – mehrheitlich rekrutiert aus Kriegsgefangenen – in Sondereinheiten der Wehrmacht. So diente z.B. Sonderführer Baron Walter von Kutzschenbach (gef. 1944), der mit der Tochter von Generalfeldmarschall Paulus, Olga (1910-2003) verheiratet war, im Sonderverband „Bergmann" unter Th. Oberländer.

Abb.: Das Jahr 1941 bedeutete für alle Familien einen Abschied für Jahre, für viele für immer… / Zeichnung: Viktor Hurr

Der „Vater der Kaukasusdeutschen", Theodor Hummel, wandte sich mehrfach an deutsche Reichsstellen, um für „die reinrassigen Kaukasusdeutschen" zu werben, bevor er selbst bei einem Bombenangriff auf Darmstadt mit seiner Familie ums Leben kam.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Die anfänglichen Hoffnungen auf eine Rückkehr nach der Zerschlagung des Dritten Reiches sollten sich als trügerisch erweisen. Mit dem Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 26. November 1948 wurde ihnen das Recht auf Rückkehr in ihre früheren Siedlungsorte aberkannt. In den Sondersiedlungen waren sie strengen Meldepflichten, Ausgangsbeschränkungen und Diskriminierungen ausgesetzt. 1954/1955 wurden die Anfang der 1930er Jahre deportierten „Kulaken" sowie deutsche Mitglieder der Kommunistischen Partei und ihre Familienangehörigen aus den Sondersiedlungen entlassen. Erst durch Verhandlungen der deutschen Bundesregierung beschloss der Oberste Sowjet der Sowjetunion am 13. Dezember 1955 die Aufhebung der Sondersiedlungen ab 1. Januar 1956 für alle deportierten und die „repatriierten" Russlanddeutschen (die ja nun eigentlich „Sowjetdeutsche" waren), versagte ihnen jedoch zugleich ihre Rückkehr in die Wohnorte der Vorkriegszeit.

Am 29. August 1964 erfolgte eine Rehabilitierung der „Russlanddeutschen" durch ein – allerdings damals nicht veröffentlichtes – Dekret des Obersten Sowjets. Die Rückkehrrechte blieben weiterhin beschränkt und wurden erst durch einen Erlass des Obersten Sowjets vom 3. November 1972 aufgehoben.