Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

1921 - 1941

Abb.: Aufruf zur Kollektivierung / Foto: Staatliches Historisches Foto- und Filmarchiv Baku.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatten im Zarenreiche 2,4 Millionen Deutsche, zum überwiegenden Teil russische Untertanen deutscher Herkunft, gelebt. Nach Gebietsabtrennungen, Bürgerkrieg und Auswanderungen waren im Jahre 1926 1.238.549 Sowjetbürger deutscher Nationalität verblieben, von ihnen lebten 25.327 in Transkaukasien. Die Gesamtzahl der Bürger deutscher Abstammung stieg aufgrund der Hungersnöte an der Wolga und in der Ukraine sowie durch die Industrialisierung (Bakuer Ölrevier) in den 1920/1930er Jahren durch Zuwanderer, stagnierte unter den Kolonisten jedoch durch niedrige Geburtenraten, Rückwanderungen und Verfolgungen. 1928 waren von 3.000 Bakuer Deutschen 2.500 aus dem Wolgagebiet. Hatte man die Liquidationsgesetze mit ihren Durchführungsbestimmungen für Südkaukasien 1915/1916 in den deutschen Siedlungen kaum umgesetzt, so betrafen Verhaftungen und Prozesse 1926, 1930, 1933 und 1935 etwa 15 Prozent aller deutschen Bewohner der Kolonien. Im August 1926 fand in Baku ein erster „Konkordija-Prozess" statt, der mit der Deportation der Angeklagten endete. Unter ihnen befanden sich auch Heinrich Vohrer und der Weingärtner Friedrich Krauss, Nachfahre des Kolonnenführers Jakob Krauss, der den Weg in die Deportation nach Kasachstan nicht überlebte. Allein 1935 wurden 600 Familien aus Annenfeld und Helenendorf unter Beschuldigung der Spionage nach Ostkarelien zwangsausgewiesen. Bereits seit den 1920er Jahren wurden die deutschen Pastoren verfolgt, im Dezember 1934 setzte eine neue Verhaftungswelle ein. 1936/37 wurden die Kirchen als geistliche Zentren endgültig geschlossen, 1938 erfolgte eine gewaltsame Reorganisation der schulischen Ausbildung in den Kolonien.

Bereits seit den 1920er Jahren beobachteten die sowjetischen Partei- und Sicherheitsorgane die Deutschen besonders aufmerksam und stellten Dossiers zusammen. Ab 1933 in Tbilissi und ab 1937 in Baku entstanden Listen über die in den Städten lebenden Deutschen. Ab Anfang 1935 wurden Fragebögen an alle deutschstämmigen Arbeiter und Angestellten ausgegeben, um Auskünfte über in Deutschland lebende Verwandte zu erhalten. Kündigungen und Verhaftungen folgten. Im Rahmen der „deutschen Operation" in Georgien von Januar bis Juli 1938 wurden allein 113 Personen verhaftet und zu Höchststrafen verurteilt. Im Oktober 1940 wurden in Baku fast alle in den deutschen Kolonien Aserbaidschans geborenen deutschen Studenten verhaftet. Nach Abschluss der Untersuchungen im März 1941 wurden sie zum Tode bzw. zu fünf bis zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Nur wenige überlebten.