Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

1915 - 1920

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte direkte Folgen für alle in Russland lebenden Deutschen. Betroffen waren nicht nur die zahlreichen Angestellten deutscher Firmen im Erdöl-, Bergwerks- u. Hüttenwesen, sondern auch all jene, die erst nach 1880 die russische Staatsbürgerschaft erhalten hatten. Am 25.10. 1914 wurde aus der Kaukasischen Statthalterschaft die „gründliche und energische Kontrolle" über Kolonisten wie Reichsdeutsche angemahnt, am 2.4. 1915 erteilte der Statthalter die Anweisung zur Aufstellung von Eigentumslisten. Das zweite Liquidationsgesetz (13.12. 1915) mit seinen Durchführungsbestimmungen für Transkaukasien vom 25.1. u. 15.2. 1916 leitete die zweite Phase der Liquidierung von deutschem Besitz ein, wurde jedoch in Bezug auf die deutschen Kolonien durch die Intervention des Gouverneurs von Elizavetpol' nicht mehr umgesetzt. Allerdings erfolgte unter dem Vorwand, vergifteten Wein an das Militär verkauft zu haben, die Verhaftung von führenden Winzern und mit dem Jahre 1917 wurden die großen privaten Winzerbetriebe – bis auf den ursprünglichen Grundbesitz der Familienwirtschaften – in das Eigentum von Aktiengesellschaften überführt. In einem Schreiben des Beauftragten der Dorfgemeinschaft von Elenino, Gottlob Hummel, vom 12. März 1916, gerichtet an den regierenden Senat wurde die Bitte um die Aussetzung der Liquidationsgesetze damit begründet, dass die Kolonisten treue russische Untertanen seien. Er verweist auf 187 Einberufene, darunter 8 Kolonisten im Range eines Offiziers (bei einer Bevölkerungszahl von 2.140) sowie freiwillige Kriegsspenden, darunter 30 Fuhrwerke, 24.000 Rbl. für das russische Rote Kreuz, 12.000 Flaschen Wein und 540 Flaschen Kognak für die Armee und 12.000 Rbl. für die Unterhaltung des Lazaretts in Elenino. Zugleich habe die Gemeinde seit 1854 ständig Einquartierungen der Armee versorgt und 800 Flüchtlinge aus der Türkei aufgenommen.


Jakob Hummel verweist in seinem Heimatbüchlein der Deutschen in Transkaukasien (1928) auf folgende Fakten:
Abb.: Jakob Hummel in dem von ihm eingerichteten Museum in Helenendorf, ca. 1924-1936 / Foto: Staatliches Historisches Foto- und Filmarchiv Baku


„Im Jahre 1916 befanden sich im russischen Heere aus den Kolonien 1.480 Mann und 14 Offiziere. Gefallen waren bis dahin 45, verwundet 71; außerdem waren beim Freiwilligen-Train 354 Mann, die auf eigene Kosten 290 La

stwagen mit je 4 Pferden und 64 Wagen mit he 2 Pferden stellten. Der Wert dieser Wagen mit Gespannen beträgt 671.000 Rubel. Bei der Mobilisation wurden gestellt: 2.969 Pferde und 907 Lastwagen. In den letzten zwei Jahren waren in den deutschen Kolonien 8.450 Mann Militär und 1.200 Flüchtlinge einquartiert. Für Sanitätszwecke wurde geopfert: Bares Geld 34.841 Rubel, Wein und Kognak im Werte von 16.232 Rubel, verschiedene warme Kleidung im Werte von 8.541 Rubel; zur Unterhaltung von Lazaretten 15.557 Rubel; im Ganzen 75.171 Rubel."

Nach dem Frieden von Brest-Litowsk zog sich Russland aus dem Weltkrieg zurück. Die Situation in Südkaukasien und Tiflis war durch den Rückzug der zarischen Kaukasusarmee katastrophal. Der Kommandant der Deutschen Kaukasusexpedition in Südkaukasien Friedrich Freiherr Kress von Kressenstein berichtet:

Abb.: Friedrich Freiherr Kress von Kressenstein (1870-1948) / Foto: Wikimedia Commons. Er übernahm im Juni 1918 das Kommando über die Deutsche Kaukasusexpedition in Südkaukasien. Nach dem Waffenstillstand von Compiègne musste er Georgien im Dezember 1918 verlassen. Kurzzeitig war Kreß vom 16. Februar bis 28. Juni 1919 interniert, kehrte dann nach Deutschland zurück


"Das Land und insbesondere Tiflis waren überfüllt von landfremden Elementen. Neben den zahlreichen Flüchtlingen aus Armenien waren es hauptsächlich die zahllosen russischen Offiziere und Beamten, die zu Besorgnissen Anlass gaben. Als sich die etwa 300.000 Mann starke russische Kaukasusarmee auflöste, gestatteten die revolutionierten Soldaten ihren Offizieren nicht, die Züge zu benutzen, mit denen sie selbst in die Heimat zurückkehrten. Unter den ihrer Subsistenzmittel beraubten russischen Offizieren und ihren Familien herrschte bittere Not. Sie versuchten auf alle nur mögliche Weise ihren Lebensunterhalt zu gewinnen."


Nach der Gründung eines südkaukasischen Rates wurde im April 1918 eine kurzlebige bürgerliche Transkaukasische Föderation ins Leben gerufen, bevor Georgien die Föderation verließ und am 26. Mai 1918 die Demokratische Republik Georgien mit der Hauptstadt Tbilissi (bis 1936 Tiflis) ausrief. Nur zwei Tage später folgten die Demokratischen Republiken Armenien und Aserbaidschan. Deutschland sicherte Georgien vertraglich Schutz vor den Osmanen zu, verlangte im Gegenzug Zugang zu den Manganerzen bei Tschiatura in Georgien und Transit zu den Erdölfeldern bei Baku. Auch die deutschen Kolonisten und Unternehmer sollten deutsche Hilfe in Anspruch nehmen können. Im Juni landete ein 3.000 Mann starkes Expeditionskorps in Poti unter Leitung von Friedrich Kress Freiherr von Kressenstein. Er erreichte Tbilissi am 24. Juni 1918. In der Folge wurden mehrere deutsche Garnisonen im Land errichtet. Friedrich-Werner Graf von Schulenburg war erster deutscher Botschafter in Georgien. Während seit Oktober 1918 sich das deutsche Militär als Verlierer des Ersten Weltkriegs aus dem Kaukasus zurück zog, erhielten jungen Georgier, Aserbaidschaner und Deutsche begünstigte geförderte Studienmöglichkeiten in Deutschland und reisten aus. Durch das Vordringen der Roten Armee fanden auch die unabhängigen Republiken ein jähes Ende Die Großunternehmen wurden nun endgültig verstaatlicht bzw. in den neu gegründeten Winzergenossenschaften zum „Kollektiveigentum".

„Im Anschluss an unseren Aufenthalt in Gandschi [Gändschä, Anm. d. Hg.] besuchten wir Helenendorf, die grösste, schönste und reichste der deutschen Kolonien im Kaukasus... Unser Besuch gestaltete sich zu einem wirklich schönen, eindrucksvollen Fest. Der ziemlich grosse Ort war mit Fahnen und Guirlanden festlich geschmückt, auf dem geräumigen Gemeindeplatz, auf dem die Miliz in Parade stand, begrüsste uns der Gemeindevorsteher mit einer Ansprache, dann wurden wir in die Kirche geführt, wo nach dem Absingen eines Chorals der Pfarrer eine Begrüssungsrede hielt. Nach einer echt schwäbischen Kaffeeschlacht im schönen Heim der millionenschweren Weinbauernfamilie Vohrer, machten wir eine Rundfahrt durch den Ort und besuchten eine der grossen Weinkellereien. Abends fand im Vereinshaus, in dem alle Erwachsenen beiderlei Geschlechts versammelt waren, ein Fest mit vielen Reden, Musik und Gesangsvorträgen statt. Es waren auffallend viele hübsche Mädeln und Frauen anwesend. Seit zwei Jahren konnten die kaukasischen Weinbauern ihre Ernte nicht verkaufen, weil keine Absatzmöglichkeit nach Russland vorhanden war. Die neue Ernte stand vor der Türe und alle Gebinde waren gefüllt."


Zitiert nach: von Kressenstein, Friedrich Kress Freiherr: Meine Mission im Kaukasus, 1943