Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

1871 - 1914

Ging es in den Kolonien in den 1820er Jahren noch um das reine Überleben, stabilisierte sich die Situation allmählich in den 1830er Jahren, die Anzahl der Geburten überstieg die der Todesfälle. Ab Mitte der 1840er Jahre scheinen sich die Siedler auf die neuen Verhältnisse eingestellt zu haben.

Mit der Spezialisierung auf agrarische Produkte und steigenden Absatzmöglichkeiten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann der wirtschaftliche Aufstieg. Dieser resultierte zunächst aus der Viehzucht mit Milch-, Butter- und Käseproduktion sowie der Imkerei. Die landwirtschaftliche Produktion diente zunächst in erster Linie der Eigenversorgung: Dort wo man das Land kultiviert hatte und bewässern konnte, baute man Obst, Weizen, Gerste, Mais und Kartoffeln an, hielt sich Hühner und Vieh, es wurde zu Hause geschlachtet und gebacken. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die Ausweitung von Weinbergen und das Geschäft mit Wein und Spirituosen hinzu. Wurde bis 1874 noch die Kronschuld, mit Ausnahme der Beträge, die als Schadenersatz für Überfälle von der Regierung angewiesen worden waren, getilgt, konnten vor dem Hintergrund von Agrarreform, Ausbau der Transportwege und Industrialisierung in Südkaukasien zunehmend Investitionen in die Mechanisierung, die Veredlung und den Absatz von Produkten vorgenommen werden. Kinderreichtum und allmählicher Wohlstand ließ die Siedlungen wachsen und bis zum Ersten Weltkrieg entwickelten sich zahlreiche Tochtersiedlungen.

„Schweizer Käse" im Kaukasus

In enger Beziehung zu Helenendorf stand die Schweizer Farm der Familie Siegenthaler in Todan. Der in Molkereien oder Käsereien erzeugte „Schweizer Käse" war weithin bekannt, die Imkerei brachte jährlich überdurchschnittliche Erträge und wurde bald von den einheimischen Nachbarn übernommen.
Der größte Erzeuger von Milchprodukten war Baron Alexander von Kutzschenbach (1835-1909), der von seinem Gutshof im Mamudly aus, dem er eine Glashütte angegliedert hatte, vor allem Tiflis mit Milch, Butter, Käse und Honig versorgte. Er lud in einem Inserat der Bernischen Blätter für Landwirtschaft 1862 schweizerdeutsche Senner nach Südkaukasien ein. Unter anderen bauten die Oberländer Ammeter, Käser und Senner eine Großproduktion von Käse und die Emmenthaler Familie Siegenthaler eine Großimkerei auf. Für 1891 wurde die Produktion der Farmen Kutzschenbach, Ammeter-Siegenthaler und Niedegger sowie der Kolonie Alexandershilf bei einem Viehbestand von 1100 Kühen mit 42.500 kg Käse angegeben.

Der ökonomische Durchbruch der Muttersiedlungen gelang in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Spezialisierung auf den Weinanbau und den überregionalen Vertrieb von Wein, Kognak, Schnäpsen und Likören. Zwar hatten die Siedler die Weinrebe von Anfang an genutzt, aber bis in die 1860er Jahre produzierten sie überwiegend für den Eigenbedarf. Bessere Sortenwahl bei den Reben, Schädlingsbekämpfung, Düngung und vor allem großflächige Bewässerung durch den Bau von unterirdischen, bis zu 60 Meter tiefen Wasserkanälen (Kähriz) ermöglichten den Übergang zur Großproduktion. Nachdem 1874 die Kronschuld getilgt war, konnte zunehmend in die Mechanisierung, die Veredlung und den Absatz von Produkten investiert werden.

Abb.: Todan – die Farm der Schweizerdeutschen Familie Siegenthaler. Hier entstanden täglich vier Emmenthaler Käse zu 80 kg, der Jahresertrag an Honig wurde in Tonnen angegeben. 30 Männer und 15 Frauen waren zur Heuernte angestellt. / Foto: Familienarchiv Siegenthaler

Wirtschaftskraft durch Familienunternehmen

Sieht man von den Belastungen durch Krieg und Bürgerkriege in den Jahren 1914 bis 1918 ab, so war diese Entwicklung in den Winzerdörfern bis 1918 (Gründungen der bürgerlich-demokratischen Republiken Georgien und Aserbaidschan) bzw. 1920/21 (Sowjetisierung) geprägt durch branchenführend und marktbeherrschend agierende Familienunternehmen. Ihnen standen sowohl Erzeuger- und Absatzgenossenschaften der kleineren Produzenten aus den Reihen der Kolonisten, aber auch zunehmend russische und armenische Winzer und Spirituosenhändler gegenüber.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges erzeugten alle deutschen Kolonistendörfer Südkaukasiens zusammen rund 2,3 Millionen Eimer (etwa 28 Millionen Liter) Wein, damit betrug ihr Anteil an der gesamten Weinproduktion Russlands 8,56 Prozent. Das waren 14,12 Prozent einer Durchschnittsernte von Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg!
Mit einem Umsatz von 12,3 Millionen Liter Wein trugen allein die beiden Handelshäuser „Vohrer" und „Hummel" in Helenendorf fast 50 Prozent des Weinabsatzes der deutschen Kolonistendörfer. Der Wert des Privatbesitzes in Helenendorf überragte mit 9,5 Millionen Rubel (davon 5,6 Millionen Rubel Weingärten, 1,1 Millionen Rubel Fabriken und Werkstätten) Katharinenfeld um mehr als das Doppelte.

"Vohrer" und "Hummel"

Die Familienunternehmen „Vohrer" und „Hummel" hatten zahlreiche Zweigstellen ihrer Weingeschäfte in ganz Russland. Möglich wurde das auch dank der 1883 eröffneten Eisenbahnlinie, die nicht nur Tiflis und Baku über Elizavetpol' verband, sondern auch Anschluss an Westeuropa über das Schwarze Meer und an den zentralrussischen Markt herstellte.

Wie die "Gebrüder Vohrer" gründeten auch die "Gebrüder Hummel" eine Aktiengesellschaft für Produktion und Landwirtschaft (1882), die außer Wein, Kognak, Wodka und Spiritus auch Sekt produzierte. Zu den 5 ½ Wirtschaften, die durch passende Eheschließungen in den Besitz der Familie kamen, kauften die Brüder Georg, Andreas, Johannes und Gottlob Hummel im Jahre 1878 noch einmal 10 Desjatinen Land und pflanzen dort Reben. Nach anfänglichen Misserfolgen und dem Tod von Andreas Hummel wurde das Unternehmen neu gegründet. Diesmal hatte Gottlob die Söhne seines Bruders Johannes – Heinrich und Gottlieb – und Andreas Sohn Eduard mit dabei. Eduard übernahm die Kellerverwaltung, Gottlieb die Finanzverwaltung.
Der Sitz befand sich in Helenendorf, Filialen in Elizavetpol', Baku, Tiflis, Sankt Petersburg, Moskau, Kiew, Odessa, Tomsk und Warschau. Zu Vermarktung der Erträge bauten sie 1883 einen Weinkeller und begannen mit dem Weinhandel der gekelterten Weine bis nach Baku und Tiflis.

Mit dem Bau einer eigenen Kognakfabrik in Helenendorf 1895 begann ihr wirtschaftlicher Aufschwung. Diese Fabrik wurde von Gottlob und Johannes Hummel gegründet, die Söhne des Bruders Heinrich – Theodor und Hermann – traten ebenfalls ein. Theodor übernahm die Leitung der Fabrik, Hermann die Leitung der Verkaufsstellen in Batumi und Baku, welche 1897 und 1899 eröffnet wurden. Die "Gebrüder Hummel" eröffneten entlang der Bahnlinie Baku-Tiflis weitere Aufkaufstationen zum Ankauf von Trauben, hausgemachtem Wein oder Traubensaft als Rohstoff. Die Qualität ihrer Weine und Kognaks war nun so gut, dass sie auf internationalen Ausstellungen 1899 und 1900 prämiert wurden.

Abb.: Landwirtschaftliches Mustergut auf 2.000 Hektar Land der Gebrüder Vohrer in  Qarayeri / Foto: Br. Forer v kolonii Elenendorf Elizavetpol’skoj gubernii. 50 let. In: Kavkazskoe chozjajstvo, 5 – 7, 1911.

Um Bankkredite zur Erweiterung des Handelsgeschäftes Höhe zu erhalten, wurden auf Initiative von Gottlob Hummel im Jahr 1900 die Wirtschafts-, Landwirtschafts-, Industrie- und Handelsbetriebe der Firma zum "Handelshaus der Gebrüder Hummel" mit einem Jahresumsatz bis zu 150.000 Rubel vereinigt. Gottlob erhielt ein Viertel, Heinrich, Gottlieb, Theodor, Hermann, Eduard und Ernst Hummel jeweils ein Achtel Anteil, damit auf jede der Brüderlinien ein Viertel der Firma entfiel.

Die Hummel-Brüder investierten nicht nur in weitere Landkäufe und ertragreiche resistente Rebsorten, sondern auch in die Schädlingsbekämpfung. Es wurden weitere Weinkeller und Lager gebaut (1902 und 1904). Neben den Holzfässern kamen auch Betonfässer zum Einsatz, die Kelter-und Kühlsysteme wurden modernisiert und die Handelstätigkeit deutlich über die Grenzen Kaukasiens ausgedehnt. Die politische Entwicklung in der Kaukasusregion sorgte dafür, dass die Vohrer und Hummel bereits 1917 den Firmenbesitz, ausgenommen den ursprünglichen Grundbesitz der Familienwirtschaften, in das Eigentum der Aktiengesellschaften „Zakavkazskoe vinodelie" (Transkaukasischer Weinbau) und „Južnoe vinodelie" (Südlicher Weinbau) mit einem Grundkapital von 4 bzw. 3 Millionen Rubel überführten. Vermutlich handelte es sich um die Übertragung bzw. den Verkauf des Besitzes in russische bzw. armenische Hände, mit dem Ziel, einer entschädigungslosen Enteignung im Rahmen der Liquidationsgesetze1 zu entgehen.

Wein, Landwirtschaft, Handwerk uvm.

Die Siedler kamen nicht nur mit Kenntnissen des Weinbaus oder der Landwirtschaft, vielmehr erstreckten sich die Tätigkeitsfelder auf alle Bereiche von Waren des täglichen Bedarfs bis zu Zulieferbranchen für die Winzerei oder unterschiedliche Zweige der Landwirtschaft. Mit Recht konnte man von relativ autarken Arbeits- und Produktionsgemeinschaften sprechen. Leitern, Wagen, Tröge und Fässer, Futterkrippen, Kiepen für die Weinlese, Pressen und beliebiges Handwerkszeug wurden ebenso gebraucht und erzeugt wie Kleider und Schuhe. Tischler, Schlosser und Schmiede hatten ein gutes Auskommen. Mit dem Weinanbau stieg der Bedarf an Küfern und Böttchern, mit zunehmendem Wohlstand wurden Häuser und Scheunen ausgebaut.

Abb.: Familienfotos der Familien Hummel / Fotos: Familienarchiv Hummel

Kriege, Eisenbahnbau und Erdölförderung waren Faktoren, die die Nachfrage nach Erzeugnissen, die in den Dörfern der Kolonisten hergestellt wurden, sprunghaft ansteigen ließen und zugleich neue Wege für ihren Absatz erschlossen. Obst- und Weingärten versorgten die Armee mit Dörrobst, rund siebzig Schnapsbrennereien sowie Winzereien hatten im Militär einen zuverlässigen Abnehmer. Mit Mehl von 13 Mühlen wurden nicht nur die Kolonien versorgt, sondern auch Zwieback für das Militär hergestellt. Seifensiedereien, Käsereien und Tischlereien, Stellmacher, Schmiede, Küfer und Wagenbauer hatten ihren Anteil am Erblühen der Kolonistendörfer. Von insgesamt 170 Handwerksmeistern lebten allein 64 in Helenendorf. Geschätzt bis nach Persien waren besonders die Wagenbauer. Helenendorf und seine Nachbargemeinden stellten nicht nur Fuhrleistungen für die Armee, sondern produzierten und verkauften zu diesem Zeitpunkt in Kaukasien untypische vierrädrige Wagen. Mit einer jährlichen Produktion von bis zu 1.600 Stück bei einem Verkaufserlös von bis zu 600 Rubel (durchschnittlich 160 Rubel vor dem Ersten Weltkrieg) pro Wagen allein in Helenendorf war nicht nur ein lohnenswerter Nebenerwerb für die erntefreie Zeit, sondern auch ein erfolgversprechender Beruf für jene Kolonistensöhne gefunden, die nicht erbberechtigt waren. So konnte einmal der Abwanderung Einhalt geboten werden, andererseits blieben Wissen und Arbeitskraft den Kolonien erhalten. Die Ergänzung der landwirtschaftlichen Tätigkeit durch Handwerk und Gewerbe sicherte den Gemeinden nicht nur die Selbstversorgung und damit eine große Unabhängigkeit, sondern begünstigte ihre weitere Entwicklung.

Deutsche Unternehmer im Kaukasus

1847 gründeten Werner von Siemens (1816-1892) und der Mechaniker Johann Georg Halske (1814-1890) eine gemeinsame Firma für den Bau von Telegrafenleitungen und die Herstellung elektrischer Geräte. Mit dem Bau der Indo-Europäischen Telegrafenleitungen entlang der Strecke London-Indien nahm die Firma ihre Tätigkeit in Südkaukasien auf und 1860 wurde in Tiflis eine Abteilung der St. Petersburger Firmenfiliale eröffnet. Walter (1833-1868) und später Otto von Siemens (1836-1871) übernahmen neben der Leitung auch das Amt des preußischen Konsuls in Tiflis.

In Ergänzung des Geschäftsbereichs der Elektrotechnik erwarben die Siemens-Brüder in den 1860er Jahren auch einige Privatunternehmungen in Südkaukasien. 1864 kauften die Brüder Werner, Carl und Walter ein Kupferbergwerk in Gädäbäy (Kedabek), 1865-1868 eine Kobaltgrube in Daschkäsän (40 km von Gädäbäy), 1879 eine weitere Kupfererzgrube mit Hütte in Qalakänd sowie Ölquellen in Carskie kolodcy.

In den 1880er Jahren gründete Siemens mit der Firma Tillmanns & Co. die Elektrifizierungsgesellschaft „Svet" (russ. für Licht) in Baku, die hier erste Anlagen der Gebrüder Nobel und private Objekte wie das Ferienhaus des Ölmillionärs Äsädullayev elektrifizierte. Später schuf die „Elektrosila/Elektrische Kraft Baku" unter Beteiligung von Siemens die Voraussetzung für einen technologischen Schub in der Erdölindustrie. Bis 1913 wurden über 26 Kilometer Starkstrom- und über 60 Kilometer Verteilerkabel verlegt. Versorgt wurden nicht nur die Wohnviertel der Reichen, sondern vor allem die Motoren der Erdölfelder.

Die Architekturgeschichte Bakus kann auf eine Reihe von Fachleuten mit deutschen Wurzeln verweisen: Karl und Gustav Gippius, Nikolaus A. von der Nonne (1836-1906, 1898-1901 als Oberbürgermeister von Baku), Adolf Eichler (gest. 1911), F. A. Lehmkuhl, I.V. Edel. Paul Stern und Drittenpreis hinterließen ihre Spuren nicht nur in Baku, sondern beeinflussten auch das Baugeschehen in den Kolonien.

Dörfliche Selbstverwaltung

Der Familien- und Gemeinschaftssinn der gläubigen Christen prägte das Zusammenleben in den deutschen Siedlungen und sie suchten ihr Heil in Arbeit und Frömmigkeit. Zugleich förderte das Kolonistengesetz bis zu seiner Abschaffung 1871 die dörfliche Selbstverwaltung. Fragen der Infrastrukturentwicklung wie der Wasserversorgung, der religiösen Bildung bzw. des allgemeinen Schulbesuchs oder der Krankenfürsorge wurden gemeinsam beraten und über die Gemeindekasse finanziert. In jedem Dorf fand sich eine Freiwillige Feuerwehr, die auch Schutzfunktionen bei Überfällen übernahm.

Der wirtschaftliche Aufschwung in den deutschen Kolonien führte seit Ende des 19. Jahrhunderts auch zu einer Blüte des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Neben ökonomisch orientierten Vereinigungen wie den Winzer- und Konsumgenossenschaften entstanden Kirchenchöre, Streich- und Blechblasorchester sowie Theatergruppen, die mit ihren Aufführungen Abwechslung in das Gemeindeleben brachten. In den Sommermonaten wurden Ausflüge in die nähere Umgebung eine beliebte Freizeitgestaltung. Auch dem Sport kam eine wachsende Bedeutung zu. Neben Jägerverbänden wurden Turn- und Fahrradvereine oder Fußballmannschaften gegründet. Viele dieser Gruppen und Vereine bestanden auch nach der Machtübernahme der Bolschewiki in Aserbaidschan (1920) und Georgien (1921) und führten ihre Aktivitäten fort. Während in Helenendorf der moderne Sportplatz in den Sommermonaten als Trainingsort für Moskauer Mannschaften diente, zog der FC Katharinenfeld 1937 – am Vorabend einer von Stalin veranlassten Verhaftungswelle – sogar ins Fußballendspiel gegen Dynamo Moskau ein.

Verhältnis zwischen Kolonisten und Einheimischen

Die Ansiedlung der Kolonisten erfolgte zu einem Zeitpunkt, als weder die Besitzverhältnisse von Grund und Boden noch die Ranganerkennung des einheimischen Adels in Transkaukasien geklärt waren. Zwar waren Neuansiedler für Kaukasien kein völlig neues Problem, aber bis dato hatte sich ihre Integration oder ihre Vertreibung nach den Grundsätzen des traditionellen Rechts zwischen den direkt Betroffenen vor Ort geregelt. Im Falle der deutschen wie anderer Neuansiedler (Russen, Armenier, Griechen) stand hinter den Massenansiedlungen die russische Kolonialmacht, die bis in die zweite Hälfte des 19.Jahrhundert vor allem militärisch präsent war. Entsprechende Gegenreaktionen konnten sich auch gegen die Deutschen richten. Religiöse Verschiedenheit und Isolation, Unkenntnis der historischen und kulturellen Traditionen, Sitten und Bräuche behinderten Kommunikation und Integration und verhinderten bis ins 20. Jh. hinein verwandtschaftliche Bindungen vor allem zwischen Muslimen und Deutschen. Das Miteinander musste wachsen. Die traditionelle Gastfreundschaft, Neugier und Offenheit der Kaukasier und die Lernbegierde der Deutschen in Bezug auf Bodenbeschaffenheit, Klima, heimische Vegetation begünstigten ein Zusammenleben.

Dorfchroniken und Erlebnisberichte überliefern, dass sich die Kolonisten in Bezug auf Landwirtschaft und Unterkunft „ganz an die Sitten und Bräuche der ansässigen Völker" hielten. Entscheidend für das Überleben und die wirtschaftliche Entwicklung war die Übernahme traditioneller orientalischer Bewässerungssysteme: Durch den Bau von sogenannten Kähriz-Anlagen mit Hilfe persischer Meister zapfte man die grundwasserführenden Schichten im Gebirge an und leitete es über das vorhandene natürliche Gefälle in die Siedlungen. Ebenso wurden einheimische Erfahrungen im Brückenbau, bei der Kreuzung von Rebsorten, der Konservierung von Früchten wie überhaupt bei der Ernährung übernommen. Auf der anderen Seite verbreitete sich mit Hilfe der deutschen Kolonisten u.a. die Lagerung von Wein in Fässern, die bis dahin üblicherweise in Krügen oder Tierfellen vorgenommen wurde.

Abb.: Miteinander zu leben, hieß nicht nur in Austauschbeziehungen zu treten, sondern vor allem miteinander zu arbeiten. Dies betraf sowohl das Handwerk als auch die Haus- und Feldarbeit. So lernten auch Einheimische das Wagnerhandwerk, das bald in die Städte Kaukasiens getragen wurde, vor allem, nachdem sich während des Krimkrieges 1854-1856 ein Massenbedarf an vierrädrigen Wagen als Transportmittel herausgestellt hatte. / Foto: Privatsammlung Bischoff

Städtische Lebensweise und wachsender Wohlstand in den Kolonien führten dazu, dass zu den saisonalen Hilfskräften Bedienstete traten und sich im Umfeld der Deutschen eine Arbeitsteilung durchsetzte, die oft auch ethnisch bestimmt war. Andererseits gingen Kolonistenmädchen über den Winter teilweise in die Städte, um Hausarbeiten zu verrichten. Der Austausch war bis zur Sowjetisierung auf einen ausgewählten Personenkreis beschränkt. Deutsch blieb bis zur Jahrhundertwende Hauptverkehrssprache, ein Drittel der Kolonisten konnte auch Russisch verstehen, im Gegensatz zu nur etwa zehn Prozent der muslimischen oder georgischen Bevölkerung. Wer auf einem deutschen Hof geboren wurde, wuchs auch mit der deutschen Sprache auf. Da Wörter wie Sorbet, Plow, Dolma, Schaschlik und andere Begriffe aus dem Alltagsleben ins Deutsche übergingen, kann man davon ausgehen, dass die Kommunikation zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen mittels einer „Umgangssprache" stattfand, die schwäbisches Deutsch, Russisch, Georgisch und Aserbaidschanisch vermischte.

Integration auf dem Speiseplan

Die Kolonisten passten sich vor allem im Essen an die Sitten und Gebräuche der einheimischen Bevölkerung an. Der Speisezettel in Helenendorf enthielt Spießbraten (Schaschlik), Dolma (in Rebblättern eingewickeltes Hackfleisch mit Reis), Reisgerichte mit und ohne Rosinen (Plow), Vorspeisen (Sakuski) in Form von Schafskäse mit Radieschen, grünen Gurken, Estragon-Sprossen, Kresse und jungen grünen Zwiebeln zusammen mit Fladenbrot. Entsprechend waren aserbaidschanische Teppiche und Haushaltgeschirr beliebt. Von den Russen übernahmen die Kolonisten die schmackhaften Kohlsuppen (Borschtsch), grüne Suppen mit und ohne Buchweizengrütze. Aus deutscher Küche blieben Knöpfle, Spätzle, Nudeln, schwäbisches Schwarz- und Weißbrot sowie Kaffee und Kuchen und natürlich viele Arten von Räucher- und Pökelware.

Neben den bäuerlichen deutschen Siedlern, die mit ihrer Einwanderung zu russischen Untertanen wurden, und Deutschstämmigen wie den Deutschbalten, die bereits seit Generationen als russische Untertanen unter zaristischer Herrschaft in Militär und Verwaltung Kaukasiens wichtige Ämter bekleideten, kamen im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vermehrt westeuropäische Kaufleute und Unternehmer nach Südkaukasien.

Europäer im Kaukasus

Noch 1864 waren im Gouvernement Tiflis lediglich 298 „Europäer" gemeldet, davon waren etwa 200 Deutsche. 1914 waren es allein in Baku schon rund 4.000 Reichsdeutsche, die die wohlhabenden städtischen Schichten mit Waren und Dienstleistungen versorgten. In drei oftmals miteinander verzahnten Bereichen wurden die wichtigsten Geschäftsaktivitäten entfaltet: in der Infrastrukturentwicklung (Kommunikation, Transport, Elektrifizierung), im Dienstleistungsgewerbe für die Erdölindustrie (Werkzeug- und Maschinenbau) und in der Rohstoffindustrie (Kupfer, Mangan, Erdöl). Zugleich bildete sich um die deutsch-schwedische lutherische Gemeinde und den Deutschen Verein in Baku ein eigenständiges geistig-kulturelles Leben, dessen Zentrum die 1899 geweihte Kirche mit Pfarrhaus, Schule, Altenheim und Kindergarten bildete. Berührungspunkte mit den Lebenswelten der deutschen Kolonisten gab es vor allem über die Produkte und Arbeitskräfte aus den Siedlungen, wie im Vohrerschen Wein- und Biergarten mit Kegelbahn in Baku oder bei Besuchen zur Sommerfrische in Hadschikänd bei Helenendorf.

Bis 1914 stieg die Bevölkerungszahl von Baku von 14.000 (1863) auf rund 240.000. Dies und der zunehmende Reichtum im Erdölgebiet führten zu einem Bauboom, der sich bis heute in den „Gründerbauten" des Stadtzentrums von Baku widerspiegelt. Ihre Besitzer legten Wert auf Wasser-, Strom- und Telefonanschluss sowie europäische Standards in der Ausstattung bis hin zur Raumgestaltung mit Mobiliar und Instrumenten. Deutsche Waren und Handwerker waren gefragt. Nicht zuletzt war Baku auch Reiseziel. Übernachten konnte man zum Beispiel im Hotel „Berlin" neben der Zentralen Telefonstation, im Hotel „Imperial" spielte ein Damenorchester, neben dem Hotel „Germania" bot das Haus „Europa" luxuriöse Unterkunft.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs setzte der Entwicklung ein jähes Ende. Sondergesetzgebungsakte stellten 1915 die unternehmerische Tätigkeit von Angehörigen der Feindstaaten (Österreichern, Deutschen, Ungarn, Türken) zunächst unter strenge staatliche Kontrolle und führten schließlich zur Liquidation: Man entzog ihnen ihre Eigentumsrechte auf Landbesitz, schränkte ihre Verfügungsrechte über mobiles und immobiles Eigentum ein und suspendierte ihre Nutzungsrechte bei Kapital, Wert- und Dividendenpapieren auf unbestimmte Zeit.