Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

Politische Entwicklungen

Ursachen der Auswanderung aus Württemberg

Die verwandtschaftlichen Beziehungen zum Königreich Württemberg, dem zeitweiligen Interesse Zar Alexanders I. (1777–1825) für die Chiliasten um Juliane von Krüdener (1764–1824) und die Hoffnungen auf ein zusätzliches christliches und vor allem wirtschaftlich aktives Element in der unruhigen Region spielten von russischer Seite aus eine entscheidende Rolle für die Aufnahme Deutscher Auswanderer in den durch Russland bis 1817 neu eroberten Territorien Südkaukasiens.

Von Württemberger Seite sind die Ursachen wohl vor allem in den schwierigen politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den süddeutschen Ländern zur Zeit der Napoleonischen Kriege zu suchen. Ständige Truppeneinquartierungen, erhöhte Steuern sowie die vermehrte Aushebung junger Leute zum Kriegsdienst führten zu einer rapiden Verarmung der Bevölkerung. Hinzu kam die Politik von König Friedrich II. von Württemberg (1754–1816), der mit radikalen Mitteln versuchte, sein Staatswesen zu reorganisieren.

Das „Jahr ohne Sommer

Nachdem schon in den Jahren von 1800 bis 1804 rund 17.500 Personen ausgewandert waren, kam es nach einem Ausbruch des Vulkans Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa am 5. April 1815, der 140 Mrd. Tonnen vulkanisches Material in die Stratosphäre auswarf, zu dramatischen Klimaanomalien. Dies wirkte sich im „Jahr ohne Sommer" 1816 u.a. in einer Verteuerung der knappen Lebensmittel um das Fünf- bis Zehnfache aus und führte zu erneutem Massenexodus. Armut, Arbeitslosigkeit und die drückende Steuerlast blieben die hauptsächlichen Gründe für die Auswanderung. Allein im Jahr 1816 verließen 20.000 Untertanen ihre Heimat. Diese Zahl wurde 1817 noch überschritten. Im Zeitraum von 1816 bis 1914 kehrte fast eine halbe Million württembergischer Bürger der Heimat den Rücken und emigrierte allein in die USA. Während der Hungerkrise 1816/17 wurden die von König Friedrich I. im Jahr 1807 aufgehobenen Einschränkungen für die Eheschließung wieder eingeführt. Die Ehe musste bei der Obrigkeit mit dem „Nachweis eines ausreichenden Nahrungsstandes" beantragt werden. Den erhielt nur derjenige, der selbstständig einen gewerblichen oder landwirtschaftlichen Betrieb führte oder über genügend Vermögen verfügte. Auch die Lebensführung der angehenden Lebenspartner wurde überprüft. Diese Einschränkungen konnten ebenfalls ein Motiv für Auswanderung sein. Im Jahr 1815 entschärfte allerdings König Wilhelm I. das von Friedrich I. erlassene Auswanderungsverbot. Zwei Jahre später wurde es offiziell aufgehoben.

Katharina Pavlovna (1788-1819), Schwester des russischen Zaren Alexander I. und in zweiter Ehe verheiratet mit Wilhelm I., König von Württemberg richtete u.a. Suppenküchen ein und ersann die sogenannten Hungertaler – Zinntaler zum Öffnen mit kolorierten Einlegebildern im Innern, die an das Notjahr erinnern. Bessergestellte konnten sie erwerben und damit die Armenfürsorge unterstützen.

: Stettnerscher Hungertaler mit Einlegebild / Quelle: Landesarchiv Baden-Württemberg, HStAS J 290 Nr.


Ansiedlungsbedingungen im Russischen Reich - Kaukasien

Während viele nach Nordamerika gingen, ist auffällig, dass die Mehrzahl der Auswanderer, die Südrussland und Kaukasien wählten, aus pietistischen Kreisen stammten und besonders bei den Initiatoren und Kolonnenführern die religiöse Motivation stark ausgeprägt war. Im Glauben an das baldige Auftreten des Antichrist und des Jüngsten Gerichts begeisterten sie sich für aus dem Chiliasmus aufgegriffene Vorstellung der Pietisten um Johann Albrecht Bengel (1687–1752), Johann Jakob Friedrich (1759–1827) und Johann Heinrich Jung-Stilling (1740–1817), sich an einen stillen Bergungsort in der Nähe Jerusalems oder des Berges Ararat zu retten und mit Christus das tausendjährige friedliche Zwischenreich auf Erden zu errichten. Allerdings gaben in den Auswanderungslisten der Jahre 1817–1820 53,1 Prozent „mangelnde Nahrung, Vermögenszerfall, Hoffnung auf besseres Glück", 25,1 Prozent „religiöse Schwärmerei", 12,4 Prozent „bessere Erwerbsaussichten", 7,8 Prozent „Verheiratung, feste Anstellung im Ausland" und 1,6 Prozent „Verwandtschaft mit früher Ausgewanderten" als Beweggründe an.

Die Rahmenbedingungen für die Ansiedlung im Kaukasus bestimmten sogenannte Manifeste. In ihnen wurden die Rechte und Pflichten der Neusiedler festgeschrieben. Mehrfach modifiziert beinhalteten sie folgende Punkte:

 

  • persönliche Freiheit für jeden,
  • freie Niederlassung an jedem beliebigen Ort des Russischen Reiches,
  • Religionsfreiheit und das Recht zum Bau eigener Kirchen,
  • lokale Selbstverwaltung mit direkter Zuordnung zur Krone und das Recht, jederzeit Russland wieder verlassen zu können,
  • Befreiung vom Militärdienst, Freiwillige sollen 30 Rubel erhalten,
  • Befreiung von allen Steuern, Diensten und Einquartierungen für 30 Jahre (bei Niederlassung in Städten 5 – 10 Jahre); danach Verrichtung der landesüblichen Steuern und landwirtschaftlichen Dienste,
  • Gewährung von Darlehen (zinslose Rückgabe nach 10 Jahren) für den Hausbau,
  • Gewährung von Reisegeldern zur Überfahrt ab der russischen Grenze bis zum Ansiedlungsort,
  • Ausstattung der Kolonisten mit Land auf ewige Zeiten, jedoch nicht als persönliches Eigentum, sondern als Gemeingut der Kolonie,
  • Erbrecht für den jüngsten Sohn für das von der Krone zugewiesene Land,
  • Erlaubnis zum Erwerb von Eigentum von Privatpersonen zur Verbesserung der Wirtschaften