Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

Glaube

Glaube verbindet

Sowohl die Organisation der Auswanderung und Ansiedlung als auch die Regeln des Miteinanders speisten sich aus dem stundistischen Milieu der Herkunftsgemeinden. Zwar hatten nicht für alle Auswanderer religiöse Motive oberste Priorität, aber sie waren doch zutiefst gläubig. Sie lehnten Eidesleistungen auf die kirchliche Obrigkeit ab und wählten eigene Prediger. Allerdings hatte nicht jeder der von der Gemeinschaft gewählten geistlichen Leiter die intellektuellen bzw. moralischen Fähigkeiten zur Ausübung des Amtes, das zahlreiche verschiedene Aufgaben umfasste: Gottesdienste halten, erbauliche Predigten verlesen, die Jugend unterweisen, Kinder taufen, Trauungen durchführen, Verstorbene christlich bestatten und nicht zuletzt Aufsicht über den sittlichen Lebenswandel der Gemeindemitglieder führen und Streitigkeiten schlichten. 1823 kam es zu einer ersten kirchlichen Ordnung durch Basler Missionare, die in Schuscha eine Missionsstation betrieben und sich der Kolonistenseelsorge annahmen. Heinrich Benz, August Dittrich und Felician Zaremba sowie Johann Bernhard Saltet (1826–1830 erster Oberpastor der südkaukasischen Kolonien) orientierten sich an der altwürttembergischen Kirchenverfassung und standen Pate bei der ersten Kirchenverfassung für die südkaukasischen Kolonien.

Abb.: Kircheninneres vor der RestaurierungAbb.: restaurierte Kirche in Helenendorf/ Göygöl

Abb.: Kircheninneres heuteRadikale, abspalterische Bewegungen kleinerer Gruppen innerhalb der Kolonisten waren bis 1860 fast ausgestorben. Mit der Einführung des Evangelisch-Lutherischen Kirchengesetzes von 1832 wurden ab 1841 die Stadtgemeinden von Tiflis und Baku dem Moskauer Konsistorium unterstellt, während die Kolonistengemeinden ihre Sonderstellung behielten. Bis ins 20. Jahrhundert hinein blieb das kirchlich-lutherische Leben die integrierende Kraft für das soziale und kulturelle Leben eine wichtige identitätsstiftende Kraft unter den deutschen Siedlern, die zwischen weltlichem und religiösem Alltag kaum unterschieden. Erst mit der Sowjetisierung und dem Religionsgesetz von 1929, das die Grundlage für die Liquidierung von Gemeinden, Kirchen und Geistlichen schuf, wurde diese Verbindung zwangsweise aufgelöst.Abb.: Helenendorfer Friedhof