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„Schdaddleut“ – Stadtleben – Tiflis

Abb.: Paul von Franken: Alttiflis (1879) / Quelle: Gabriel, Heike (Hg.): Deutsche Maler des 19. und 20. Jahrhunderts in Georgien. Die Sammlungen des Georgischen Nationalmuseums, Tiflis 2011.

Die landwirtschaftlich geprägte Kolonie Alexandersdorf im heutigen Stadtteil Didube und die Handwerkersiedlung Neu-Tiflis im heutigen Stadtteil Kukia wurden nach Ankunft der ersten Siedler in Südkaukasien im Jahr 1818 am rechten Ufer des Mtkwari (deutsch Kura) gegründet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden in Neu-Tiflis, das 1862 in die Stadt Tiflis eingemeindet wurde, rund um den Michael-Prospekt, heute Aghmaschenebeli Straße, zahlreiche Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe, Spezialgeschäfte, Apotheken und Hotels. Die aufstrebende Stadt wurde auch zu einem Anziehungspunkt für Wirtschaftsunternehmen wie die Firma Siemens & Halske sowie deutsche Wissenschaftler, Künstler und Architekten.

Albert Salzmann (1833-1897), Leopold Bielfeld (1838-1921), Joseph Ditsmann (1878-1923) prägten zusammen mit anderen europäischen Architekten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das Stadtbild des modernen Tiflis entscheidend mit. Der in Danzig geborene Naturforscher Gustav Radde (1831-1903) war 1865 Begründer und erster Direktor des 1867 eröffneten Kaukasischen Museums. Das erste Observatorium in Südkaukasien gründete 1850 Arnold Moritz (1821-1902), der Botanische Garten stand seit 1861 unter Leitung von Heinrich Scharrer (1828-1906). Auch in der Musik und Literatur hinterließen Deutsche ihre Spuren in der Stadt: Der Berliner Musikprofessor Franz Kessner (1851-1930) gründete 1881 das erste professionelle Quartett und wurde später erster Professor des Konservatoriums. Unter den Literaten ragte neben Friedrich von Bodenstedt (1819-1892) vor allem Arthur Leist (1852-1927) heraus. Neben zahlreichen Romanen sind ihm auch die Erstübersetzung des georgischen Epos Der Recke im Tigerfell sowie die Übernahme der Chefredaktion der Kaukasischen Post als der ersten deutschsprachigen Zeitung in Südkaukasien zu verdanken.

Abb.: Das 1888 durch Albert Salzmann fertig gestellte Museum für Militärgeschichte (heute Nationalgalerie) an der heutigen Rustaweli Allee / Foto: Dimitri Ermakov, Georgisches Nationalmuseum (Ermakov-Filmarchiv).

Viele deutsche Maler wie Boris Vogel (1872-1961), Richard Karl Sommer (1866-1939), Max Tilke (1869-1942) oder Theodor Horschelt (1829-1871) lebten in Tiflis oder bereisten den Kaukasus. Der Maler und Karikaturist Oskar Schmerling (1863-1938) hielt in seinen szenischen Karikaturen das kaukasische Alltagsleben humorvoll fest und beeinflusste fast alle satirischen Zeitungen und Zeitschriften der Region Südkaukasien.