Fachportal zur Geschichte und Kultur der Deutschen in Kaukasien

Kaukasusdeutsche

Seit 1950 kehrten rund 3 Millionen deutsche Aussiedler aus der ehemaligen UdSSR nach Deutschland zurück und fassten unter oftmals schwierigen Bedingungen hier wieder Fuß, auch wenn die Integration in die deutsche Gesellschaft recht unterschiedlich verlief. – Ihre Geschichte und Gegenwart stellt einen wichtigen Erfahrungswert für hochaktuelle Fragen von Migration, Flucht, Vertreibung, Separation und Integration dar.

1914 betrug die Zahl der russischen Untertanen deutscher Abstammung im Russischen Reich 1,62 Mio., bis 1926 war die Zahl durch Weltkrieg, Bürgerkrieg, Hungersnöte und Auswanderungen auf 1,238 Mio. zurückgegangen. Sie teilten das Schicksal der Bürger der Sowjetunion in Zeiten einer gemäßigten Nationalitätenpolitik, von Kollektivierung, Industrialisierung, Kulturpolitik und litten wie auch andere Volksgruppen und Bürger der ehemaligen Sowjetunion unter den sogenannten „Stalinschen Säuberungen“ der 1930er Jahre. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Jahr 1941 erfolgte die fast vollständige Deportation der deutschen Bevölkerung aus den europäischen Teilen der UdSSR nach Zentralasien und Sibirien. Tausende verloren ihr Leben durch den Leidensweg der Deportation, durch Zwangsarbeit, die Männer und Frauen leisten mussten, und Ermordung. Ihr Anteil an der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung der beiden Imperien wurde dem Vergessen ausgesetzt. Eine Rehabilitation erfolgte nie vollständig, eine Wiedergutmachung wird im postsowjetischen Raum nicht thematisiert. Der Austausch zwischen verschiedene Erinnerungskulturen unter den heute in Deutschland oder noch in Zentralasien Lebenden und dem Sich-Erinnern an die Deutschen in den ehemaligen Heimatrepubliken, der BRD oder anderen neuen Heimatländern (USA, Kanada, Südafrika) steht noch am Anfang.

Das Schicksal der Deutschen in der Kaukasusregion gehört dabei im Vergleich zu Untersuchungen über die Wolga- oder Ukrainedeutschen zu den bisher weniger berücksichtigten Themen der Forschung über die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen. Als relativ kleine Siedlungsgruppe mit ca. 22 Tausend Kolonisten im Jahre 1920 und rund 50 Tausend Deportierten deutscher Herkunft im Jahre 1941 schrieben sie jedoch durch vielfältige Leistungen mit an der neuzeitlichen Geschichte der kaukasischen Völker und der deutsch-südkaukasischen Beziehungen, und sie haben in der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung der Region tiefe Spuren hinterlassen.

Migration – Flucht – Vertreibung – Suche nach Beheimatung sind zugleich zentrale Themen für große Bevölkerungsteile in der Region Kaukasien in Anbetracht der Krisen und Konflikte in den letzten Jahrzehnten (Berg-Karabach, Abchasien, Süd-Ossetien). Eine politische Lösung ist untrennbar verbunden mit der Förderung einer Bereitschaft zur Versöhnung oder zumindest der Wiederherstellung von Toleranz, Respekt vor den Leistungen anderer Völker und friedlicher Koexistenz. Dieser Prozess kann nicht „von oben“ verordnet werden, sondern muss durch Verarbeitung von Traumata und kritischer Aufarbeitung von Vergangenheit und Reflexion des Gegenwärtigen „von unten“ durch zivilgesellschaftliche Akteure wachsen. – Auch hierzu kann die Aufarbeitung deutscher Geschichte im multikulturellen Kontext Kaukasiens einen Beitrag leisten.

Eine wichtige Voraussetzung für alle Aktivitäten – sowohl von deutscher als auch aserbaidschanischer und georgischer Seite – ist jedoch das gemeinsame Wissen um und über die wechselhafte Geschichte von Orten, Ereignissen und Menschen. Anliegen ist es dabei nicht, einer nostalgischen Verklärung Material zu liefern, sondern ein Stück deutsch-südkaukasischer Geschichte nachvollziehbar und für eine friedliche Gegenwart fruchtbar zu machen. Die Erinnerung ist somit nicht nur eine Würdigung der Leistungen schwäbischer Winzer in Aserbaidschan und Georgien, sondern zugleich Gedenken an die zahlreichen Opfer der Stalinschen Diktatur, von Totalitarismus und Krieg. Sie mag Mahnung sein, ein menschliches Miteinander in einem multikulturellen, multiethnischen und multireligiösen Kaukasien zu wahren und Vielfalt als Chance für den Staatsaufbau der jungen Staaten und ein europäisches Miteinander zu begreifen.